SPD Ortsverein Gießen-Wieseck
Tradition seit 1890

Wieseck - Aus der Geschichte

Das alte Dorf Wieseck sowie die abgelegene Siedlungen Selters und Ursenheim wurden in den beiden Urkunden aus dem Lorscher Kodex vom 10. Juli und 26. August 775 erstmals schriftlich erwähnt. Am 21. Juni 778 schenkte der Abt des Elsässischen Klosters Hohnau, Beatus, seinen iroschottischen Mönchen eine Kirche, die "im Hof der Wieseck" genannt wurde. Die in den Urkunden 775 genannte "Wisicher Marca" reichte von der Lahn im Westen bis zum Rand des Busecker Tals und des Wettertals im Osten, von der Lumdamündung im Norden bis zum Linder Markwald und dem Römischen Limes im Süden. Dieses weiträumige Gebiet war überwiegend vom Wiesecker Wald bedeckt, der 1129 erstmals urkundlich beschrieben wurde. Daraus leitet sich der Name des Rodungsorts Wieseck ab. Der Wiesecker Wald gehörte ursprünglich zum Gebiet des Oberlahngaus, in dem während des 9. und 10. Jahrhunderts die Konradiner die Herrschaft ausübten. Dieses Adelsgeschlecht stieg im Jahr 911 zur deutschen Kaiserwürde auf.


Eine weitere urkundliche Erwähnung erfolgte 1150. Zu dieser Zeit ließ Graf Wilhelm von Gleiberg im Mündungsgebiet der Wieseck in die Lahn die Wasserburg "Zu den Giezzen" errichten. 1197 erfolgt die Ersterwähnung Gießens: Die Witwe des Grafen Wilhelm von Gleiberg trat in einer Urkunde als "domina Salome comitissa de Giezzen" auf. Wieseck gehörte zur Burg und Herrschaft Gießen, die um 1200 von den Gleibergern an die Pfalzgrafen von Tübingen überging. 1264/65 stießen die Tübinger diesen Außenposten ab und verkauften ihn an die gerade erst entstandene Landgrafschaft Hessen.


An der Stelle der 778 in einer Schenkungsurkunde erwähnten hölzernen Kirche wurden die ältesten Teile der heutigen Michaelskirche errichtet. Die heute als hessisches Kulturdenkmal geltende Kirche - dem Schutzpatron Sankt Michael geweiht - wurde in spätgothischer Zeit erheblich erweitert. Im Zuge einer Innenrenovierung im Jahr 1925 legte man die alten Malereien frei. Eine weitere Renovierung des Innenraums erfolgte 1973/74, bei der spätmittelalterliche Malereien im nördlichen Schiff entdeckt wurden. Der Kirchturm, der von einem dreistufigen Haubenhelm bekrönt wird, prägt sichtbar das Ortsbild Wiesecks.

Michaelskirche Wieseck

Unweit von der Michaelskirche befindet sich in der Alten-Busecker-Straße die sogenannte "Poart", ein echtes Wiesecker Wahrzeichen. Der mächtige Wehrturm der ehemaligen Dorfbefestigung - mit einer heute noch zu sehenden Schießscharte zur Abwehr von Angreifern - wurde erstmals 1458 in seiner heutigen Form erwähnt und ist mit seinem großen Durchgangstor der einzig noch erhaltende Teil der früheren Ortsbefestigung von Wieseck. Dabei umschloss aber nicht etwa eine mächtige Steinmauer das damalige Dorf, sondern eine Abfolge von Zäunen, Hecken, Mauern und Gräben.

Wiesecker Poart
Fackwerkhaus Wieseck

Als im Jahre 1489 der Hessische Landgraf der Stadt Gießen den größten Teil des Hangelsteinwaldes zum Ausgleich schwerer Brandschäden schenkte, brachte dies eine neue Qualität in den Beziehungen zwischen Gießen und Wieseck. Wieseck wurde von dem Brand des Jahres 1646 schwer getroffen. Ein weiterer Großbrand ereignete sich 1718. Diese beiden Großbrände haben nicht nur die älteren Kirchenbücher und andere Aktenbestände vernichtet, sondern auch die alte Baustruktur zerstört, sodass heute nur noch wenige sehenswerte Fachwerkhäuser in Wieseck - vornehmlich im alten Ortskern - vorzufinden sind.


Badenburg Wieseck

Die Folgen der Brände sowie die fortschreitende Teuerung brachten auch die finanzielle Basis des bis dahin noch fast reinen Bauerndorfes in Schwierigkeiten, sodass es zwischen 1698 und 1752 zu einigen bemerkenswerten Transaktionen kam:

Zunächst gab Wieseck im Jahre 1798 seinen Anteil an der Markgenossenschaft des "Fernewaldes" im Tausch gegen ein Stück des Hangelsteinwaldes an die Stadt Gießen ab. Folgenschwerer und bis in die neueste Zeit schmerzhaft spürbar war im Jahre 1752 der Verkauf der Hälfte der Markgenossenschaft Altenstruth an den Mitbesitzer Alten-Buseck, denn dadurch ging jenes weite Gelände verloren, dass sich vom "Hölzernborn" bis vor die Tore Daubringens erstreckte. Andererseits war die Gemeinde Wieseck durch diese Einnahme in der Lage, im gleichen Jahr das Badenburger Hofgut mit der bis dahin eigenständigen Badenburger Gemarkung, der "Boarre Mark" zu kaufen um damit ihr Gebiet wesentlich nach Westen und Norden bis vor die Tore Lollars zu erweitern. Die Badenburg selbst blieb hessisches Lehen der Familie von Weitolshausen - genannt Schrautenbach - und ging zu Beginn des 19. Jahrhunderts in bürgerlichen Besitz über. Die Burg wurde nie zerstört, sondern verfiel durch Misswirtschaft und schlechte Hofhaltung in der Zeit nach 1740. Heute ist in der Badenburg Gastronomie beheimatet.


Entscheidende Veränderungen für das Dorf und seine Bevölkerung brachte das 19. Jahrhundert. 1806 hat man die alten Landgrafschaft Hessen-Darmstadt zum Großherzogtum erhoben und 1821 wurde Gießen Provinzialhauptstadt von Oberhessen. Mit dem Bau der Main-Weser-Bahn (1849/50), für den auch Teile der Wiesecker Gemarkung benötigt wurden, und mit der schnell wachsenden Industrialisierung in Lollar, Wetzlar und Gießen wandelte sich Wieseck von einer Gemeinde mit überwiegend bäuerlicher Struktur zu einer Arbeiterwohngemeinde. Aus dieser Zeit ist folgende Begebenheit überliefert:


Von Marburg her näherte sich der Stadt Gießen eine Autokolonne, an der Spitze eine Luxuslimousine mit bunter Standarte. In dem Wagen saßen Seine Majestät Kaiser Wilhelm II. und seine Gemahlin Kaiserin Auguste Viktoria. Ihnen gegenüber hatte Seine Exzellenz der Flügeladjutant Platz. Seine Majestät sah nach links in die Talmulde nieder und geruhte zu bemerken: "Welch ein entzückendes Dörfchen dort!" Der Generaladjutant räusperte sich und antwortete: "Aber Majestät, das rote Wieseck!" Hierauf der Kaiser: "Pfui Teufel, das rote Wieseck!"

(Zitiert nach Hermann Schüling, Gießener Anekdoten, Gießen 1980).


Ortsschild Wieseck

1871 begann in Wieseck der Ausbau im Westteil des Dorfes nach Gießen zu, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstärkt fortsetzte. Die Eingemeindung der Dörfer Wieseck, Kleinlinden sowie der Gemarkung Schiffenberg in die Stadt Gießen erfolgte mit Wirkung vom 1. April 1939. Zugleich wird Gießen eine kreisfreie Stadt. Das große alte Dorf Wieseck ist ein lebendiger Stadtteil Gießens geworden und konnte auch ein kleines Industriegebiet aufnehmen. Seit Anfang der 1990er Jahre erfuhr Wieseck durch Ortserweiterungen erhebliche Siedlungs- und Bevölkerungszuwächse. Mit der großen Siedlungsflächenerweiterung westlich der Marburger Straße seit 2003 wächst der Stadtteil weiter und bietet umfangreiche Entwicklungsmöglichkeiten.


Petra Bröckmann und Dr. Eckhard Bröckmann